Montag, 31. Dezember 2012

Gedächtnisformen


Gedächtnisformen


Zu Beginn der Gehirnforschung suchte man nach dem Ort, an dem unsere Erinnerungen gespeichert sind. Doch auch nach vielen Jahren Forschung gab es Verwirrung, da sich herausstellte, dass eine Erinnerung nicht an genau einem Platz gespeichert wird, sondern im kleinen Fetzen an einzelnen Orten im Gehirn, die für bestimmte Arten von Informationen gemacht sind. Jene Orte im Gehirn nennen sich auch Gedächtnisformen, Gedächtnissysteme oder simpel Informationsspeicher. Manche davon sind bewusst, andere unbewusst, oder auch deklarativ und implizit. Bewusst heißt, dass hier Erinnerungen gelagert sind, die man nachvollziehen kann und bei denen man sich auch daran erinnert, wie man zu dieser Erinnerung gekommen ist. Die Erinnerungen im impliziten Bereich des Gehirns verhalten sich anders. Hier werden z.B. reine Wissensinformationen gelagert, zum Beispiel das 2+2=4 ist, ohne dass man weiß woher dieses Wissen eigentlich kommt. Außerdem werden hier automatisierte Handlungen wie z.B. Fahrrad fahren gelagert.
Erst beim Erinnern an ein Ereignis werden die einzelnen Teile der Erinnerung, auch Engramme oder Gedächtnisspuren genannt, wieder zusammen gesetzt.
Aber wie werden die Erlebnisse denn eigentlich zu Erinnerungen? Wenn eine Information oder ein Erlebnis zum Kurzzeit ins Langzeitgedächtnis übergeht, aktivieren sich verschiedene Neuronengruppen. In der Zusammensetzung dieser vielen Neuronen spiegelt sich unsere Erinnerung wieder. Jedes Mal, wenn wir wieder an diese eine Erinnerung denken, werden wieder dieselben Neuronen aktiviert. Je öfter wir das machen, umso schneller und intensiver reagieren die Neuronen, und umso einfacher können wir die Erinnerung später abrufen. So trainieren wir unser Gedächtnis auch, wenn wir zum Beispiel Vokabeln lernen.
Es gibt jedoch verschiedene Stadien des Gedächtnisses, und im Langzeitgedächtnis dann verschiedene Systeme die verschiedene Informationen abspeichern.


Sensorisches Gedächtnis

Das sensorische Gedächtnis, oder auch Ultrakurzzeitgedächtnis, beschreibt jene Speicherform, die eine bestimmte Information bzw. einen Reiz nur im jeweiligen Sinnesorgan speichert, zum Beispiel einen Geruch in der Nase. Hier wird der Reiz zu einer Erregung umgewandelt und ans Arbeitsgedächtnis weitergeleitet. Der Reiz wird hier nur bis zu einer Sekunde bereitgestellt.


Arbeitsgedächtnis

Im Arbeitsgedächtnis, auch Kurzzeitgedächtnis genannt, wird wie es der Name schon sagt Informationen nur sehr kurz gespeichert und mit ihnen gearbeitet. Es können außerdem nur wenige Informationen gleichzeitig gespeichert werden, bei normalen Menschen etwa 4-7, bei sogenannten „Genies“ bis zu 9 einzelnen „Chunks“, also einzelnen Informationen. Diese Informationen können hier zwischen 10 Sekunden und einigen Minuten gespeichert werden.
Das Gedächtnis arbeitet hier mit den Informationen, indem es sie mit anderen Informationen aus dem Langzeitgedächtnis vergleicht und verknüpft. Erst wenn die Informationen oder der Empfangene Reiz mit schon vorhandenen Informationen, bzw. Erinnerungen verknüpft werden kann, kann sie ins Langzeitgedächtnis übernommen werden.
Wenn dies nicht geschieht, geht die Information nach spätestens einigen Minuten für immer verloren. Die einzige Möglichkeit eine Information ins Langzeitgedächtnis zu übertragen ohne eine Verknüpfung herzustellen, ist es sie immer und immer wieder zu wiederholen. Ein gutes Beispiel dafür ist das Erlernen einer neuen Sprache, bei der Vokabeln gelernt werden die vollkommen neu sind. Diese haben oft keine Verbindung zu anderen Informationen im Langzeitgedächtnis und müssen immer wieder wiederholt werden.
Das Arbeitsgedächtnis befindet sich in der Hirnrinde des Großhirns und ist wiederrum geteilt in Links und Rechts. Die linke Seite speichert Neutrale Informationen, die Rechte Informationen die mit Erlebnissen und Emotionen zusammenhängen. Wenn die Information relevant genug ist, bzw. dazu passende Informationen im Langzeitgedächtnis gefunden werden, werden sie zum Hippocampus(Teil des Limbischen Systems, dient auch zur räumlichen Orientierung) weitergeleitet, welcher dabei hilft das Erlebte einzulagern.


Langzeitgedächtnis

Im Langzeitgedächtnis werden Informationen dauerhaft gespeichert, welche jederzeit abgerufen werden können. Im sogenannten Limbischen System und dem dazugehörigen Mandelkern (Amygdala) werden jene Informationen nochmal auf soziale und biologische Bedeutung geprüft und dann den einzelnen Gedächtnissystemen und Emotionen zugeordnet. Die Emotionen spielen somit eine große Rolle in der Zuordnung und Speicherung verschiedener Informationen.
Das Abrufen der Informationen aus dem Langzeitgedächtnis kann jedoch auch gestört sein. Zum einen durch eine simple Überlagerung von Informationen, die zufällig passiert. Zum anderen kann das Abrufen der Erinnerungen durch eine Hemmung, also eine Gedächtnisstörung verhindert werden.


Gedächtnissysteme im Langzeitgedächtnis:

Unbewusste Informationsspeicher:
Die unbewussten Informationsspeicher lassen sich auch als implizite Gedächtnisformen bezeichnen.

Prozedurales Gedächtnis:
Speicher für Bewegungsabläufe oder körperliche Handlungen wie z.B. Klavier spielen oder Fahrrad fahren
Priming:
Das Priming erlaubt das erkennen einer Information und das abgleichen mit einer anderen, obwohl sie nur unvollständig oder nur ähnlich mit etwas schon erlebten ist. Hilfreich ist dabei ein vorrausgegangener Reiz, der auf den eigentlichen vorbereitet.

Bewusste Informationsspeicher:
Die bewussten Informationsspeicher tragen zusammengefasst den Namen „deklaratives Gedächtnis“.
Episodisches Gedächtnis:
Hier werden Lebenserfahrungen und Emotionen gespeichert und abgerufen. Dieses Wissen lässt uns anderes Wissen auf einer Zeitebene zuordnen. Wird auch als autobiographisches Gedächtnis bezeichnet.
Perzeptuelles Gedächtnis
Reize werden als familiär erkannt, weil man sie schon mehrmals erlebt hat.
Wissensgedächtnis:
Wird auch als semantisches Gedächtnis bezeichnet. Hier werden Informationen gelagert, die wir nicht unbedingt „erlebt“ haben, sondern einfach „wissen“, z.B.  Sprachkenntnisse oder Mathematik gespeichert.

Vergessen und Falsche Erinnerungen

Das Gehirn filtert schon vor dem Speichern der Information einige unwichtige Dinge heraus, aber viele Dinge werden erst mit der Zeit unwichtig. Zum Beispiel, wer uns beigebracht hat, dass 2+2=4 ist, oder woher wir wissen dass die Hauptstadt von Deutschland Berlin ist. Solche Hintergrundinformationen werden nach einer Zeit vom Gehirn gelöscht, genau wie alle anderen Informationen, die entweder nicht mehr wichtig oder auch emotional nicht mehr relevant ist. Genauso beseitigt das Gehirn Erinnerungen, die lange nichtmehr abgerufen wurden. Manchmal passieren allerdings auch unseren Gehirn Fehler, und es werden die „falschen“ Informationen gelöscht. Das Gehirn stuft eine Information als unwichtig ein und löscht sie, obwohl wir sie eigentlich noch brauchen.
Tatsächlich ist es bekannt, dass eben jenes Filtern und Löschen von Informationen unglaublich wichtig ist. Von Gedächtniskünstlern, die ein sogenanntes „eidetisches Gedächtnis“ haben und somit fast alle Informationen dauerhaft abspeichern, ist bekannt dass sie kaum alleine ihren Alltag meistern können, da sich eine Unmenge von eigentlichen unwichtigen Fakten in ihrem Gehirn vor die gerade relevanten Dinge schiebt. Sie können sich nicht auf das wesentliche eine Situation fokussieren.
Das Gehirn kann jedoch nicht nur Informationen löschen, sondern sie auch (ungewollt) verfärben.
Jede Erinnerung wird von aktuellen Emotionen und Situationen so beeinflusst, dass sie vollkommen anders vom Original sein kann, wenn wir sie eines Tages abrufen. So kann sie z.B. falschen Orten, Zeiten und Personen zugeordnet werden, oder glücklicher/weniger glücklich erscheinen, als sie eigentlich war. Diese Fehlfunktion des Gehirns tritt im Alter besonders häufig auf und wird dann als altersbedingtes Assoziationsdefizit bezeichnet.
Erinnerungen können desweiteren auch von anderen Personen beeinflusst oder sogar erfunden werden. Wenn eine Person jemanden erzählt, er habe in der Kindheit eine bestimmte Situation erlebt, meint derjenige nach einer Weile oft, sich sogar daran erinnern zu können, obwohl die Situation niemals stattgefunden hat. Das Gedächtnis kann somit auch gefährlich manipuliert werden.

Gedächtnisverlust

Gedächtnisverlust, auch Amnesie genannt, kann durch verschiedene Ereignisse eintreten, betrifft jedoch meist nur das episodische Gedächtnis. Der Betroffene kann sich somit an automatisierte Handlungen wie Fahrrad fahren oder Schnürsenkel binden erinnern, aber nicht an Dinge die er einst erlebt hat.
Eintreten kann eine Amnesie durch Schädigung bestimmter Hirnareale, zum Beispiel des Hippocampus oder des Zwischenhirns. Hierbei können dann verschiedene Teile des Gedächtnisses verletzt sein.
Außerdem kann das Gedächtnis durch psychologische Mechanismen blockiert werden. Dies tritt oft nach Traumata wie Unfällen auf, man weiß jedoch nicht wie dies zustatten geht oder ausgelöst wird. Genannt werden sie Psychogene Amnesien.
Unterschieden wird beim Gedächtnisverlust zwischen einer retrograden Amnesie und einer anterograden Amnesie. Erste zeichnet sich dadurch aus, dass man sich nur an früher Erlebtes nichtmehr erinnern kann, bei der anterograde Amnesie jedoch kann der Patient keine neuen Erinnerungen mehr abspeichern.

Amnesien können auch durch Mangelernährung, also dem Mangel an bestimmten Vitaminen, ausgelöst werden. So leiden zum Beispiel Alkoholiker und Magersüchtige oft an Gedächtnisverlust.
Eine weitere Art der Amnesie betrifft tatsächlich jeden Menschen: Die Infantile Amnesie. Kein Mensch kann sich an seine frühe Kindheit erinnern, was daher kommt, dass das Selbstbewusstsein sich erst ab ca. dem 2. Lebensjahr ausbildet und auch das Gedächtnis sich erst ausbilden muss.

Quellen:
Natura – Neurobiologie und Verhalten
http://dasgehirn.info/
Von Laura Albermann

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen